Arbeitszeugnisse sind sowas von 1999

Erst kürzlich kam bei uns in der Mittagspause die Diskussion auf das Thema Arbeitszeugnis. Klar, auch wir stellen sie aus, als Arbeitgeber sind wir dazu ja verpflichtet. Und wir wären nicht in Deutschland, gäbe es dazu nicht auch eine Verordnung, konkret der §109 Absatz 2 der Gewerbeordnung. Sie besagt, dass das Arbeitszeugnis unbedingt zwei Bedingungen erfüllen muss:

  1. Das Arbeitszeugnis muss wahr sein
  2. Das Zeugnis muss wohlwollend sein

Die erste Bedingung finde ich vollkommen in Ordnung, da spricht ja auch nichts dagegen. Aber wenn ich Bedingung 2 lese, stellt sich mir doch die Frage der Sinnhaftigkeit eines Zeugnisses. Schon Kant hat Wohlwollen mit Handlungen, die Wohlbefinden und Freude bewirken wollen, gleichgesetzt. Was aber hat das mit einer objektiven Beurteilung (=anders für Zeugnis) zu tun? Ich möchte keine Forderung für negative und böse gemeinte Zeugnisse stellen, ich frage mich nur, wie das Zeugnis im Bewerbungsprozess noch zur Entscheidung für den richtigen Kandidaten beitragen soll.

Zeugnis

Auch wenn die Geheimsprache in Zeugnissen aus einer negativen Beurteilung eine wohlwollende Formulierung macht und allen Personalern mittlerweile bekannt ist, was sich hinter diesen schöngeredeten Floskeln verbirgt, gleichen Zeugnisse doch eher einem Einheitsbrei. Insbesondere weil sich Mitarbeiter ihre Zeugnisse mittlerweile meist selber schreiben oder ihre gewünschten Inhalte in die Zeugnis-Vorlage des Unternehmens kopieren und sich das dann vom Chef unterschreiben lassen. Und trotzdem verlangen viele (oder sogar fast alle) Unternehmen immer noch Zeugnisse von ihren Bewerbern. Machen sie das, weil es eben immer noch alle machen? Auch wenn das erschreckend wäre, würde es mich nicht wundern – schließlich haben die meisten auch noch nicht erkannt, dass Rap-Recruitingvideos eben nicht hip und innovativ, sondern einfach nur peinlich sind, egal anderes Thema. Es kann mir doch keiner erzählen, dass Zeugnisse, in denen das gleiche steht, die Entscheidung leichter macht. Vor allem, wenn zusätzlich noch wissenschaftlich-psychologische Assessment-Tests und mehrere persönliche Vorstellungsgespräche durchgeführt werden. Wozu also noch der Aufwand?

Auch in Sachen Arbeitszeugnisse sollten Personaler die 90er langsam hinter sich lassen und sich in Richtung digitales und aktuelles Zeitalter bewegen. Alle Welt spricht von Fachkräftemangel und War for Talents, ich frage mich, helfen Arbeitszeugnisse den zu gewinnen? Sind in diesem Fall nicht Empfehlungs- oder Referenzschreiben, wie sie im englischsprachigen Raum längst Gang und Gäbe sind, sinnvoller und vor allem aussagekräftiger?

Ich lasse mich jederzeit gerne von einer anderen Meinung überzeugen – versuchen Sie es über die Kommentare 😉

Foto: Flickr/sassyartz

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Kommentare

Eine Antwort auf “Arbeitszeugnisse sind sowas von 1999”

  1. „Sind in diesem Fall nicht Empfehlungs- oder Referenzschreiben, wie sie im englischsprachigen Raum längst Gang und Gäbe sind, sinnvoller und vor allem aussagekräftiger?“ – Kurz und schmerzlos: JA !!

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