Jobbörse für Flüchtlinge: Utopie mit Erfolgspotenzial?

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Ein Thema, das aktuell sehr kontrovers in den Medien und sozialen Netzwerken diskutiert wird, ist die in Deutschland derzeit betriebene Flüchtlingspolitik. Während sich die Schlagzeilen deutscher Zeitungen täglich überhäufen, bleiben konkrete Veränderungen auf politischer Ebene, wie so oft, erst einmal aus. Da bietet es sich doch an, die Debatte mal mit etwas Konstruktivem zu bereichern. Das dachten sich Philipp Kühn und David Jacob und gründeten eine Jobbörse der etwas anderen Art.

Konstruktive Flüchtlingshilfe statt Däumchendrehen

Dass die beiden Berliner mit ihrer Idee der Online-Jobbörse speziell für Flüchtlinge eine mediale Lawine derartigen Ausmaßes verursachen, hatten sie wohl selbst kaum erwartet. Dabei treffen sie inmitten der Flüchtlingsdebatte und des Fachkräftemangels in Deutschland genau den Nerv der Zeit. Der politische und zugleich menschliche Grundgedanke ist offensichtlich: Die Chance für Flüchtlinge in Deutschland bleiben zu dürfen, ist bedeutend größer, wenn eine inländische Anstellung nachgewiesen werden kann. Warum also nicht dazu beitragen, arbeitswillige, teils hochqualifizierte Flüchtlinge und Arbeitgeber mit offenen Jobangeboten zusammenzuführen, um für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation zu schaffen?

Diesen Gedanken verfolgten die beiden Kommunikationsdesign-Studenten, als sie das besagte Projekt im Rahmen ihrer Bachelorarbeit ins Leben riefen. Unternehmen könnten dem Fachkräftemangel entgegenwirken, Flüchtlinge vor der Abschiebung ins Krisengebiet bewahrt werden. Doch wie hoch ist die Akzeptanz der Unternehmen für die neue Jobbörse? Würden Flüchtlinge die Plattform tatsächlich nutzen? Und wie reagiert die Öffentlichkeit auf das Projekt? Fragen, die nicht lange unbeantwortet blieben.

Schon über 200* Jobs von mehr als 170* Arbeitgebern online

Workeer heißt sie – die erste Online-Jobbörse für Flüchtlinge, die in Deutschland leben. Der Name ist ein Mix aus den Wörtern „work“ und „refugee“ und wird gesprochen wie „work here“: ein beabsichtigtes Wortspiel. Die Plattform soll Flüchtlingen eine vereinfachte Jobsuche in Deutschland ermöglichen. Bei der Registrierung legen sie ein eigenes Profil an, in dem sie ihren Lebenslauf, ihre Qualifikationen und die Berufswünsche eintragen. Auch ein Foto und ein persönliches Statement können hinzugefügt werden. Arbeitgeber registrieren sich mit Unternehmensprofil und können direkt Stellenanzeigen publizieren.

Klingt einfach und plausibel. Dementsprechend folgte auch schlagartig eine hohe Resonanz: Schon nach kurzer Zeit haben sich rund 190* Flüchtlinge registriert, um nach passenden Jobs zu suchen. Tendenz steigend. Unter ihnen ein breites Spektrum an Bewerbern: von Ärzten über Kfz-Mechaniker bishin zu Reinigungskräften variieren die internationalen Qualifikationen der Jobsuchenden.

Auch auf Arbeitgeberseite stieg die Anzahl der Anmeldungen rasant. Bisher haben sich 170* Arbeitgeber aus Bereichen wie z. B. Gastronomie, Handwerk und Zeitarbeit auf dem Portal registriert und bieten offene Stellen und/ oder Praktika an. Tendenz steigend. Mehr als 200* Jobs sind derzeit auf Workeer.de zu finden. Tendenz steigend! Darunter befinden sich attraktivere Angebote, als so manch einer vermuten würde: Babbel, die Online-Lernplattform für Fremdsprachen, bietet beispielsweise 1.600€ pro Monat für eine Anstellung als Trainee Data Analyst an. Der Lieferdienst für Kochzutaten „Marley Spoon“ sucht für 8,50€ pro Stunde einen Lagerarbeiter. Auch Ingenieure, Pflegekräfte, und Elektriker sind sehr gefragt.

Insgesamt also ein toller Start für ein wohltätiges Projekt. Dennoch drifteten die Meinungen über die Flüchtlings-Jobbörse in den sozialen Netzwerken, wie es sich für ein heiß diskutiertes Thema gehört, weit auseinander.

Twitter-Shitstorm: Gründer reagieren mit Humor

„Tut doch lieber was für die Deutschen, statt für Fremde!“ Mit solchen und ähnlichen Aussagen mussten sich Philipp und David auf Plattformen wie Twitter und Facebook seit Gründung der Website auseinandersetzen. Die Reaktionen der beiden Studenten waren meist von kurzer, ironischer Natur. „Eure Wortwahl ist immer so knuffig“, antwortete Philipp auf einen der beleidigenden Kommentare. Vieles wurde aber einfach ignoriert, getreu dem Motto: „Was soll man zu solchen Leuten groß sagen. Die verstehen es eh nicht.“ Dass das Projekt nicht bei jedem auf Begeisterung stoßen würde, war für die beiden Studenten jedoch keine große Überraschung. Durch künstlich generierte Aufrufe schafften es Gegner des Projekts sogar, die Seite für kurze Zeit zum Absturz zu bringen.

Glücklicherweise sind viele der Arbeitgeber auf dem deutschen Markt (und das ist das Entscheidende) der Idee positiv gegenüber eingestellt. Immer mehr Unternehmen, darunter auch viele Start-ups, springen auf den Zug auf und versuchen nicht genutzte Potenziale der Flüchtlinge zu entdecken und geeignete Kandidaten für freie Stellen zu finden. Doch wie sieht die konkrete Umsetzung aus? Ist die Idee wirklich so einfach, wie sie klingt?

Workeer keine Jobvermittlung, sondern Kontaktbörse

Ein Arbeitsverhältnis ist über die Online-Jobbörse, die sich noch in der Beta-Phase befindet, noch nicht entstanden. Aber das ist auch nicht das Ziel des Projekts, betonen die Gründer, und kann es rechtlich auch gar nicht sein. Für eine verbindliche Jobvergabe ist die Bundesagentur für Arbeit zuständig. Workeer soll lediglich den Erstkontakt herstellen und die Bereitschaft der Arbeitgeber erhöhen, den anschließenden bürokratischen Aufwand in Kauf zu nehmen. Und dieser ist nicht ohne. Dem Abschluss eines Arbeitsvertrages zwischen Unternehmen und Flüchtling stehen viele Hürden im Weg.

Selbst, wenn sich Arbeitgeber und Flüchtling auf Workeer.de im Bezug auf einen Job einig geworden sind, ist nicht klar, ob das Arbeitsverhältnis rechtlich überhaupt zustande kommen kann. Um die rechtlichen Schritte müssen sich die Unternehmen individuell kümmern. Da kann die Online-Jobbörse nicht weiter helfen.

Projekt steckt noch in den Kinderschuhen

Jedoch haben die Gründer von Workeer eine FAQ-Seite auf der Homepage eingerichtet, die u. a. dazu dienen soll, den Arbeitgebern zu erklären, wie die einzelnen bürokratischen Schritte bis zur Arbeitserlaubnis aussehen. Weiterhin wollen sie den Inhalt ihrer Website in weitere Sprachen übersetzen lassen, um die Kontaktbörse auch für diejenigen Flüchtlinge, die nicht deutsch sprechen, zugänglich und verständlich zu machen.

Sicherlich ist noch viel Verbesserungspotenzial bei der Umsetzung von Workeer erkennbar. Was aber zählt, ist die Idee (, auf die man erstmal kommen muss)! Wenn das Grundgerüst gefällt und genügend Unternehmen und Interessenten überzeugt, folgt der Rest im Laufe der Zeit. Davon sollte man zumindest als Optimist ausgehen.

* Die Zahlenangaben in diesem Artikel sind garantiert nicht mehr aktuell. Die Seite wächst und wächst. Überzeugt euch selbst, die Anzahl registrierter Nutzer und Jobs steigt stündlich!

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